Die Macht ist nur ein Muskel - Kluge Gewohnheiten: 4. Teil

Können wir wirklich mit reiner Willenskraft unsere Ziele erreichen?

Wenn wir unsere Laster loswerden möchten, müssen wir uns von der Verlockung möglichst fernhalten. Wenn wir zu Hause keine Süßigkeiten und keinen Alkohol haben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir unserem Muster nicht nachgehen zu brauchen.

 

Aber vielleicht sagst Du Dir jetzt: „Ich wandere sogar nachts zur Tankstelle, um meinen Kick zu bekommen!“ Spätestens beim Junk-Food-Symbol auf der Autobahn funktioniert der Trick mit der Vermeidung der Verlockung nicht mehr so gut. Aber auch hier können wir tricksen.


Liegt die Stärke im Verzicht?

Oft besteht ein Auslöser-Reiz aus einem bestimmten Ort, einer gewissen Zeit und einigen Bedürfnissen, die wir haben bzw. Zuständen, in denen wir uns befinden. Wenn Du richtig satt und zufrieden bist, brauchst Du eher kein Fast-Food. Oft höre ich: Alles nur eine Sache der Willenskraft! Mein Vater sagte uns Jungs (als wir klein waren) einmal:

 

„Die Stärke eines Mannes liegt im Verzicht!“ (längere Pause)…griff zur Schokoladen-Tafel. „…und ich bin schwach!“

 

Schweinehund vs. Willenskraft

Wer seinen inneren Schweinhund überwinden will, setzt in der Regel auf Motivation und Willenskraft. Gehen wir für einen Moment davon aus, Du möchtest fitter werden bzw. mehr Sport machen.

 

Wir werden hier von inspirierenden Filmen wie Rocky

angefixt. Es wirkt so, als ob der Sportheld mit schierer Willenskraft trainiert und dadurch seinen Gegner schlägt. Tatsächlich müssen wir hier unser Paradigma ändern. Mit reiner Willenskraft kommen wir nicht weiter. Nur eine Minderheit ist dafür bestimmt.


Wir können uns nicht mit einem Hochleistungs-Sportler vergleichen, der auf einen Titel hintrainiert. Der Athlet richtet alle seine Energie auf das Erreichen des Zieles aus. Wenn Du fitter werden willst, hast Du aber viel weniger Zeit und viel weniger Willenskraft noch übrig. Du wirst wahrscheinlich einer Arbeit nachgehen und weitere Verpflichtungen haben. Wenn Du fitter und gesünder leben willst, solltest Du eine andere Strategie wählen.

 

Die Strategie „Ich überwinde langfristig meinen inneren Schweinhund, indem ich mehr Willenskraft einsetze“ hat einfach zu viele Schwächen. Der moderne Homo Sapiens hat das Experiment „Willenskraft vs. Schweinehund“ schon häufiger durchgeführt. Meist gewinnt der innere Schweinehund. 

 

Willenskraft ist wie ein Muskel

Auch die Fähigkeit zu entscheiden ist wie ein Muskel. Wir können diesen Muskel trainieren. Zwar lohnt es sich, unsere Willenskraft zu

trainieren, wir dürfen uns aber nicht auf schiere Willenskraft verlassen. Früher oder später werden wir müde oder gestresst sein. In so einem schlechten Zustand sollten wir keine Entscheidungen fällen. Wir schonen dann lieber unsere Willenskraft und lassen unsere Routinen laufen.

 

Wenn Du den ganzen Tag viel um die Ohren hattest und viele Entscheidungen fällen musstest, bist Du abends einfach nicht mehr fähig, eine kluge Entscheidung zu treffen. Am Ende „entscheiden“ wir uns dann für TV, Wein und Pizza. „Ich hatte einen harten Tag, das habe ich mir jetzt verdient…Ich sollte mich auch mal entspannen!“

 

Bis wir schließlich die Gewohnheit annehmen, jeden Abend

stundenlang irgendetwas im TV anzusehen und dabei eine Flasche Wein zu trinken.

 

Es gibt mehrere Vorteile, wenn Du eine neue, kluge Gewohnheit annimmst. Der Hauptnutzen ist: Es kostet Dich keine Willenskraft mehr. Wenn Du Dich abends müde von der Coach erhebst, um vor dem Schlafengehen noch einmal auf das WC zu gehen, hast Du kaum noch Willenskraft. Dein Entscheidungsmuskel ist ermüdet. Wenn Du jetzt vor der Entscheidung stündest, ob Du noch Deine Zähne putzt oder nicht, was würdest Du tun?

 

Wahrscheinlich würde jedes Mal das Zähneputzen ausfallen. Im

Grunde habe ich abends nie Lust auf das Zähneputzen. Die Tätigkeit ist nicht gerade spannend und lernen kann ich auch nichts Neues dabei. Die Vorteile sind mir völlig Schnuppe, wenn ich richtig müde bin. Trotzdem putze ich sie mir zweimal täglich. So wie fast alle von uns. Warum? Weil wir uns nicht entscheiden müssen. Genauer: Weil die Entscheidung uns leichtfällt.

 

Es kostet uns kaum Willenskraft bzw. Energie, weil es eine starke Gewohnheit ist. Vielleicht sagen wir uns abends: „Oh, wir müssen noch die Zähne putzen…“ und sind eigentlich viel zu müde dazu. Obwohl wir oft keine Lust haben, geben wir uns dann einen Mini-Ruck. Danach läuft es wie von selbst.




Der nächste Blog vertiefet unser Verständnis: Wir haben drei Hauptstrategien - Willenskraft, Motivation und Gewohnheiten - um unseren Schweinehund zu überwinden. Zwei davon sind recht unzuverlässig.


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Kommentare: 4
  • #1

    Sarah R. (Montag, 30 Januar 2017 11:45)

    Das erinnert mich extrem an die Phasen in meinem Leben, in denen ich mit aller Gewalt versucht habe, meinen Willen durch zu setzen. Es funktionierte immer für eine gewisse Zeit. Ich hatte Erfolg. Um kurz darauf zu verzweifeln, weil ich es nicht schaffte, über einen wirklich langen Zeitraum gegen alle Gewohnheiten zu gehen. Letztlich hat es mich sogar geschwächt, mich so sehr zu zwingen, weil ich immer wieder enttäuscht von mir war!

  • #2

    Sha Tha (Montag, 30 Januar 2017 15:38)

    Ja da ist echt was dran. Nur leider dauert es so lang, bis die Gewohnheit zur Gewohnheit wird.

  • #3

    Marie S. (Montag, 30 Januar 2017 18:03)

    Also wenn ich das sehe fühlt es sich witziger weise erleichternd an...da frage ich mich doch wie stelle ich auf Gewohnheiten um?

  • #4

    Heiko (Montag, 30 Januar 2017 20:25)

    Marie, deine Frage wird morgen zwar noch nicht abschließend beantwortet, aber die nächsten Blogs handeln von den Themen Timing und Bestärkung. Wertvolle Tools, wenn es darum geht, neue Gewohnheiten zu pflanzen...